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Digitale Mediennutzung im Unterricht – mehr als eine Frage der Ausstattung

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Digitale Mediennutzung im Unterricht – mehr als eine Frage der Ausstattung

Julia Hastädt, Lehrerin am John-Brinckman-Gymnasium Güstrow und auf Twitter unter @medien_lehrerin zu finden, stellte sich beim DigitalNetzwerkSchule dem Thema der digitalen Mediennutzung im Unterricht. Sie berichtete aus dem Praxiseinsatz, wie sich digitale Unterrichtskonzepte im Schulalltag umsetzen lassen und worauf es neben der Ausstattung ankommt. Erfahren Sie in diesem Beitrag mehr über das Thema. Nutzen Sie auch gerne die Gelegenheit, Frau Hastädt im aufgezeichneten Livestream zu erleben!

Mit Blick in die verschiedensten Zeitungen fällt auf, dass eine Vielzahl an Fotos, die im Kontext der Digitalisierung im Bildungsbereich veröffentlicht werden, eine sogenannte interaktive Tafel aufweisen. Ohne Frage – sie eignen sich ideal als Hintergrund eines Bildes, in dessen Vordergrund Personen mit viel Freude und mit digitalen Stiften oder mit den Fingern die Interaktivität erproben. Eine WLAN-Infrastruktur oder vermitteltes Know-how in Lehrer_innenfortbildungen lassen sich auch schwierig in einem öffentlichkeitswirksamen Bild erfassen.

Primär fördert eine interaktive Tafel den Lehrer_innenzentrierten Frontalunterricht und selbst wenn drei Schüler_innen parallel an dieser arbeiten können, so kann der Großteil der Klasse an dieser Interaktivität nicht teilhaben, sondern nur zuschauen. Diese Form des Unterrichts ist eine Möglichkeit, obgleich sie nicht den Vorstellungen einer zeitgemäßen Bildung entspricht, die das 4K-Modell des Lernens (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken) in den Fokus rückt.

Aber: eine interaktive Tafel birgt sehr viel Potenzial, wenn sie in Kombination mit mobilen Endgeräten im Unterricht genutzt wird und eben diese Möglichkeiten sollten ausgeschöpft werden. An dieser Stelle wäre Zeit zum Träumen, welche Ausstattung für eine Schule ideal wäre und da geht das Problem schon los, denn die Anforderungen sind durchaus subjektiv, stehen in Abhängigkeit zu präferierten methodischen sowie didaktischen Ansätzen und sind nicht zuletzt auch von der Schulform abhängig.

Was verstehen Sie unter zeitgemäßer Bildung?

Auf meine Frage an die Zuhörer_innen, was sie unter zeitgemäßer Bildung für unsere Schüler_innen verstehen, durfte anonym in digitaler Form geantwortet werden. Die Beiträge haben wir uns gemeinsam angesehen. Darunter waren u.a. „kompetenter Umgang mit modernen Medien“, „kollaboratives Arbeiten“, „Schüler_innenorientierung“, „Vorbereitung der Schüler_innen auf die Welt von morgen“ sowie „Schüler_innen in ihrem Bildungsprozess angemessen zu beteiligen: inhaltlich, analog und digital“.

Interessant! Warum diskutieren wir dann so oft über das geeignete Betriebssystem für mobile Endgeräte und jammern über all das, was im Moment noch nicht so ist, wie wir es gerne hätten? [#jammermodus] Darüber sollten wir alle – jeder für sich und auch gemeinsam – nachdenken. Zeitgemäße Bildung zu ermöglichen ist in erster Linie eine Frage der Haltung. Und das Ausschöpfen des bereits Möglichen eine Option, dem Ziel näher zu kommen. Im Fokus sollten stets unsere Schüler_innen stehen – ohne wenn und ohne aber.

Am Digitalisierungsprozess in Schulen sind viele Akteur_innen beteiligt, die einerseits alle in einem gemeinsamen Boot sitzen und andererseits sich teils uneinig darüber sind, in welche Richtung die Segel gesetzt werden sollen. Das liegt zum Einen an unterschiedlichen Interessen, zum Anderen aber auch daran, dass sich niemand so richtig sicher ist, welche Segelposition denn die richtige wäre. Entscheidungen ziehen stets Konsequenzen nach sich, obgleich diese positiv als auch negativ ausfallen können. Es gilt den richtigen Weg zwischen blindem Aktionismus und einem zögerlichen Agieren zu finden. Leichter gesagt als getan.

Der Digitalisierungsprozess in Schulen wird von vielen Akteur_innen beeinflusst.

Die Politik gibt den Rahmen vor, Wirtschaftsunternehmen hoffen auf hohe Gewinne im Zuge der Ausgabe von Geldern aus dem Digitalpakt, Schulen dürfen Medienbildungskonzepte schreiben, die wiederum für die Schulträger eine wichtige Basis für den Entwurf eines Medienentwicklungsplans sind. Eltern erkennen das Potenzial als auch die Gefahren digitaler Medien und ihre Unterstützung ist unentbehrlich, wenn es darum geht, Tabletklassen etc. umzusetzen. Die Haltung der Lehrer_innen gegenüber der Digitalisierung weist ein weites Spektrum auf, obgleich die meisten von ihnen offen und engagiert sind, sich neue digitale Lehrmethoden anzueignen und diese auch anzuwenden.

In einigen reißerischen Zeitungsartikeln wird behauptet, dass die „neue Lehrer_innengeneration“, deren Aufwachsen bereits stark durch digitale Medien geprägt gewesen ist, automatisch mit einer stark ausgeprägten Medienkompetenz an die Schulen kommen wird. Wirklich? Mit Sicherheit wird ihnen der Umgang mit digitalen Endgeräten leichter fallen, die Medienkompetenz sollte aber nicht mit der Mediennutzung gleichgesetzt werden. Gefragt sind an dieser Stelle nicht nur die Beteiligten im Rahmen der Ausbildung von Referendar_innen, sondern vor allem auch diejenigen, die die erste Phase der Lehramtsausbildung an den Universitäten maßgebend prägen.

Eine reflektierte und sinnvolle Implementierung digitaler Medien in den Unterricht ist keine Frage des Alters, sondern eine der Haltung. Dabei kommt auch insbesondere der Schulleitung eine wichtige Rolle zu. Wenn diese dem Kollegium vertraut und Möglichkeiten des Ausprobierens neuer methodischer und didaktischer Konzepte offen gegenübersteht, dann können die Lehrer_innen intrinsisch motiviert werden. Wenn Kollegien praktische Vorstellungen von der Umsetzung einer zeitgemäßen Bildung haben, dann können Schulträger davon ausgehen, dass bereitgestellte Hard- und Software auch dementsprechend genutzt wird. Zugleich müssen Schulen darauf bauen können, dass sie vom Schulträger bestmöglich im Bereich der Wartung und Reparatur von Geräten unterstützt werden.

Alles in allem erfordert der Digitalisierungsprozess vor allem eines: eine gute Kommunikation zwischen allen beteiligten Akteur_innen. Dies ist nicht leicht, da oft unklar ist, wann der richtige Zeitpunkt dazu ist, mit wem über welchen Aspekt und in welcher Reihenfolge zu reden. In diesem Prozess werden Fehler gemacht und dies sollte legitim sein, wenn neue Wege bestritten werden. Ein zweiter wichtiger Aspekt lässt sich mit einer Aussage, die ich im vergangenen Jahr häufiger gehört habe, verdeutlichen, an der viel Wahres ist und die ich zugleich nie wahrhaben möchte: „Wir brauchen einen langen Atem“. (Un-)Geduld ist eine Tugend.

Unser wichtigster Akteur ist und bleibt jedoch die Schüler_innenschaft.

Einige fürchten sich vor den „Digital Natives“, weil die Sorge besteht, dass ihre Medienkompetenz stärker ausgeprägt sein könnte als unsere eigene. Dabei sollten wir uns aber auch einfach einmal bewusst machen, dass auch „Digital Natives“ in der Regel keine interaktive Tafel zuhause haben und in ihrer Freizeit nicht permanent Präsentationen, eBooks, Erklärvideos etc. erstellen. Wir lernen gemeinsam mit unseren Schüler_innen und sollten häufiger den Mut haben, uns von ihnen etwas zeigen zu lassen. Denn wenn sie es können, dann unterstützen sie gern. [Ausnahmen könnten die Regel natürlich bestätigen.]

Erlebbar im Unterricht wird dies, wenn es umfassende Veränderungen im Setting des Lehrens und Lernens gibt. Sichtbar wird dies für mich jeden Tag in meiner Klasse, die seit diesem Schuljahr mit iPads lernt (1:1-Ausstattung). Die Schüler_innen arbeiten motiviert und kooperativ, helfen sich gegenseitig, sind kreativ, kommunizieren und beteiligen sich sehr aktiv am Unterrichtsgeschehen. Die neuen Möglichkeiten, die uns als Lehrkräften in einem derartigen Setting mit Blick auf neue Unterrichtskonzepte geboten werden, sind beeindruckend. Mit Sicherheit erfordern die Änderungen in der Unterrichtsgestaltung zunächst einen hohen zeitlichen Mehraufwand, der sich aber insbesondere für die Schüler_innen und längerfristig auch für Lehrer_innen rentiert.

Ja, es handelt sich [noch] um eine Insellösung. Ja, diese sind kritisch zu betrachten. Warum es ohne Insellösungen aber oft nicht geht liegt daran, dass es an größeren Schulen beispielsweise schwierig ist, einen kompletten Jahrgang mit durchschnittlich fünf Klassen auszustatten. Einerseits finanziell, andererseits vor allem mit Blick auf die Kolleg_innen, die die Chance haben sollten, sich nach und nach darauf einzulassen und Schritt für Schritt Erfahrungen zu sammeln. Häufig wird im Kontext von Tabletklassen die Sorge erwähnt, dass die Handschrift vernachlässigt wird. Diesem versuchen wir zu entgegnen, indem die Schüler_innen mit iPads inklusive Tastatur und Pencil arbeiten.

Von unschätzbarem Wert sind im Rahmen eines solchen Pilotprojekts die Unterstützung der Eltern, die das Projekt finanzieren, als auch die von Akteur_innen (Schulträger, Sponsoren…), die die Infrastruktur bereitstellen und das Projekt finanziell unterstützen, um bei Bedarf Geräte verleihen zu können, ebenso wie die der Lehrer_innen, die sich dem öffnen sowie viel zusätzliche Zeit in Fortbildungen und den Austausch untereinander investieren und nicht zuletzt eine Schulleitung, die voll und ganz hinter einem solchen Projekt steht. Im Hintergrund erfordert ein Pilotprojekt eine intensive Vorbereitung, bei der uns vor allem auch die Medienscouts an der Schule stark unterstützt haben und eine zunehmend wichtigere Rolle in der Medienpräventionsarbeit einnehmen.

Es geht nicht mehr um das „Ob“, sondern nur noch um das „Wie“. Wenn uns das wirklich bewusst wird, dann können wir auch einmal mehr wagen, um für unsere Schüler_innen noch mehr zu gewinnen, denn das liegt uns vermutlich allen am Herzen: die bestmögliche Vorbereitung der Schüler_innen auf ihr Leben nach der Schule.

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Julia Hastädt ist Lehrerin am John-Brinckman-Gymnasium Güstrow und Verantwortliche für die Medienbildung sowie die Berufs- und Studienorientierung an ihrer Schule. Zudem betreut sie als Klassenleitung eine iPad-Klasse mit 1:1-Ausstattung.

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