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Schulöffnung? Bitte nur faktenbasiert!

Schulpolitik

Schulöffnung? Bitte nur faktenbasiert!

Seit Beginn der Sommerferien geht die Diskussion über die Aufnahme des Regelbetriebs an Schulen in eine neue Runde. Auch Studien zum digitalen Lehren und Lernen liefern hier zentrale Argumente. Diese gilt es aber mit Bedacht abzuwägen, da sie manchmal nur vermeintlich bei der Entscheidungsfindung helfen. Zu schnelle Rückschlüsse müssen vermieden werden, denn es geht um viel: Aus unbedachten Öffnungen können steigende Infektionszahlen und damit verbunden Konsequenzen resultieren. Auf der anderen Seite stehen möglicherweise gravierende wirtschaftliche und soziale Auswirkungen.

Derzeit häufen sich Medienberichte, die Lehrer*innen ein schlechtes Zeugnis hinsichtlich der digitalen Lehre ausstellen.1 Nach den zumeist lokalen und digitalen Medien bedeute „Homeschooling“ für den überwiegenden Teil der Lehrer*innen das i.d.R. wöchentliche Verschicken von Aufgaben. Dabei berichteten zwischen 59 % (Deutsch) und 74 % (Sachunterricht/Biologie) der befragten Eltern, noch kein Feedback zu den Lösungen bekommen zu haben. Auch Videounterricht sei nur in Ausnahmefällen (ca. 25 % bei den Hauptfächern; weniger noch in Biologie und Sachunterricht) erteilt worden. Etwa die Hälfte der Eltern berichteten zudem, dass Fachlehrkräfte noch keinen persönlichen Kontakt zu ihren Kindern gehabt hätten; der Kontakt zu den Eltern sei noch seltener gewesen.

Einige dieser Medien stellen obige Aussagen als uneingeschränkt geltend dar2, so dass die aktuelle Situation teils wörtlich mit „Wenig Onlineunterricht und fehlendes Feedback von Lehrern“3 zusammengefasst wird. Und auch Forscher*innen präsentieren die Ergebnisse bereits als Faktum.4 Andere Medien äußern sich vorsichtiger und verweisen darauf, dass die zugrundeliegende Stichprobe „sozial positiv verzerrt“ sei.5 Dabei beziehen sie sich auf die Präsentation der ersten Zwischenergebnisse eine Online-Befragung, die in Kooperation der TU Dortmund mit der Philipps-Universität-Marburg durchgeführt wurde.6 Federführend waren Prof. Dr. Ricarda Steinmayr und Prof. Dr. Hanna Christiansen. Diese erläutern, was mit dieser Verzerrung gemeint ist: So hätte ein Großteil der untersuchten Kinder ein eigenes Zimmer, in dem es ungestört lernen können (90%), besäßen ein eigenes Tablet  (89%) oder einen eigenen Computer mit angeschlossenem Drucker (87%). Der höchste Schulabschluss der Eltern läge mit dem (Fach-)Abitur (75%) über dem Bundesdurchschnitt.

Wodurch kommen diese möglichen Abweichungen zustande?

Einer der Gründe für diese starken Abweichungen vom Bundesdurchschnitt liegt in der Konzeption der Studie. Öffentlich zugängliche Online-Befragungen haben den Vorteil, dass die Datenerhebung relativ schnell und ohne großen Aufwand geschehen kann. Allerdings melden sich in der Regel eher Personen zurück, die auch etwas zurückzumelden haben, sprich: Die Unzufriedenen. Als Folge können die so erhobenen Daten nur sehr eingeschränkt genutzt werden und sind in der Regel nicht repräsentativ. Dies schränkt die Validität der resultierenden Studien ein. Das gilt verstärkt für Umfragen zu aktuellen Reiz-Themen wie die Qualität digitalen Unterrichts, die viele Menschen persönlich betreffen. Durch Auslassen dieser Einschränkung in einigen der rezipierenden Medien werden damit Fakten geschaffen, wo bisher nur Vermutungen sind.

Die Befragung weist aber auch Mängel bezüglich des Verständnisses des zu untersuchenden Gegenstands auf. So ist allein der Begriff „Homeschooling“, den zu untersuchen die Befragung vorgibt, falsch gewählt: Dieser beschreibt das Lernen von Schüler*innen durch die Eltern, wie es beispielsweise im US-Amerikanischen Raum möglich ist. Die Befragung selbst widmet sich allerdings dem Lernen auf Distanz, wie eine der Initiatorinnen nach Veröffentlichung der ersten Ergebnisse ebenfalls eingesteht.7

Ferner wird neben den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik für weiterführende Schulen der Biologieunterricht abgefragt. Nur, dass bundesweit kein jahrgangsübergreifender Biologieunterricht angeboten wird. Dies ist eine plausible Erklärung dafür, dass Biologielehrer*innen ihren Schüler*innen weniger oft rückmelden als Lehrer*innen in den Hauptfächern. Allgemein beansprucht die Befragung eine bundesweite Studie zu sein. Unterschiede auf Länderebene bleiben jedoch unbeachtet. Und das, obwohl allein die rechtlichen Voraussetzungen für digitale Lehre eine stärkere Differenzierung verlangen.

Die positive Verzerrung ergibt sich wohl möglich auch durch die Fragestellung

Auch in der Fragestellung finden sich erhebliche Mängel, die hier nur exemplarisch aufgegriffen werden können. So gibt es bei vielen Fragen (z.B. “Wie oft wird Material eingestellt?”) nur die Möglichkeit, pauschal zu antworten und nicht nach Fächern differenziert. Aber gerade bei weiterführenden Schulen ist diese Pauschalisierung fehl am Platz, da die Qualität von Aufgaben hochgradig abhängig von der Lehrperson ist. Dies erklärt unter Umständen nicht nur die vielen “teils-teils-Antworten”, sondern ggf. auch einige der negativen Antworten. Denn auch hier ist es wahrscheinlich, dass antwortende Eltern eher auf negative Aspekte fixiert sind.

Ebenfalls ein Teil der oben angesprochenen positiven sozialen Verzerrung dürfte aus der Fragestellung erklärbar sein. Denn bei Fragen zum familiären Hintergrund wird lediglich differenziert zwischen „deutsch“, „türkisch“ und „sonstiges“. Schüler*innen mit anderen familiären Hintergründen bzw. deren Eltern werden dadurch ausgegrenzt. Durch das Eintragen eines Freitextes unter „sonstiges“ wird zwar diese mangelhafte Differenzierung teilrelativiert. Dennoch ist fraglich, welchen epistemischen Mehrwert die explizite Nennung der Kategorie “türkisch” hat und weshalb andere Migrationsgruppen ausgeschlossen werden. Die Initiatorinnen setzen sich hier zumindest dem Vorwurf aus, die Entscheidung könnte durch Ressentiments bedingt sein. Ferner entspricht dieser simplifizierte Umgang mit Diversität und Pluralität nicht dem derzeitigen wissenschaftlichen Reflexionsniveau.8

Auch die Aufarbeitung der Ergebnisse ist – selbst wenn es sich lediglich um Zwischenergebnisse handelt – für eine universitäre Studie unbefriedigend. So wäre neben der Nennung von Anteilen und der Darstellung von absoluten Häufigkeiten in Säulendiagrammen eine tiefergehende statistische Auswertung der Daten wünschenswert gewesen, um etwaige Zusammenhänge herzustellen. Auf die Streuung der Daten wird gar nicht erst eingegangen.

Selbst wenn die Initiatorinnen nur vorgeben Zwischenergebnisse zu präsentieren, weist die Studie insgesamt bereits bei oberflächlicher Betrachtung erhebliche Mängel bei der Verwendung der Grundbegriffe, der Formulierung von Fragen und der Qualität der Auswertung auf. Der zudem naive Umgang mit Wissenschaftskommunikation öffnet der Instrumentalisierung im öffentlichen Diskurs Tür und Tor, wie der Rezeption in den o.g. Medien zu entnehmen ist.

All dies bedeutet natürlich nicht, dass es keine Probleme beim Lernen auf Distanz gibt. Und vielleicht sind diese so gravierend, wie sie in der Präsentation der Zwischenergebnisse der Befragung dargestellt werden.9 Aber: Befragungen wie die hier kritisierte liefern dazu grundsätzlich keine Erkenntnisse. Natürlich sind zum Verständnis einer sich ständig wandelnden Pandemie-Situation teils „Schnellschüsse“ vonnöten. Nur müssen auch diese Qualitätsstandards einhalten, um in der medialen Rezeption nicht Fakten zu schaffen, wo u.U. keine sind. Denn diese „Fakten“ könnten die Grundlage für Entscheidungen liefern, die Menschenleben kosten. Diese Entscheidungen müssen wohl abgewägt werden, weshalb Studien gerade jetzt noch kritischer zu prüfen sind als zuvor.

Quellenangaben:

1) Die Quellnachweise sind in den Fußnoten 2 und 3 noch einmal differenziert nach dem Umgang mit der Ausgangsstudie wiedergegeben.
2) https://www.lokalkompass.de/dortmund-city/c-kultur/zwiespaeltiges-eltern-feedback_a1380318, https://www.op-marburg.de/Marburg/Schule-und-Corona-Umfrage-unter-Eltern-und-Schueler-ergibt-zwiespaeltiges-Bild-zum-digitalen-Lernen, https://www.ruhr24.de/nrw/coronavirus-nrw-live-ticker-aktuell-news-zahlen-infizierte-lockerungen-armin-laschet-zr-13774276.html, http://www.informationsdienst.ruhr/aktuell/detail/archiv/2020/may/artikel/dortmund-studie-zeigt-zwiespaetiges-eltern-feedback-zum-homeschooling.html, https://www.bleibgesund.de/news/homeschooling-umfrage-2020-06-24/, https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.studie-zu-homeschooling-in-corona-pandemie-mit-diesen-problemen-haben-kindereltern-und-lehrer-zu-kaempfen.003b230d-f99d-47ec-8d55-cee74359369b.html?reduced=true (Stand jeweils: 30.06.2020)
3) https://www.lokalkompass.de/dortmund-city/c-kultur/zwiespaeltiges-eltern-feedback_a1380318 (Stand: 30.06.2020)
4) z.B.: https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/bildungsforscherin-unsere-schueler-werden-nur-notversorgt-weil-dassystem-versagt_id_12015110.html
5) https://www.spiegel.de/panorama/bildung/corona-so-erleben-eltern-den-digitalen-unterricht-a-2b5df8bd-d160-42cb-bea3-14c12288f0fc, https://www.mittelhessen.de/lokales/marburg-biedenkopf/marburg/umfrage-bei-rund-1000-eltern-zwiespaltiges-bild-des-digitalen-lernens_21775891 (Stand jeweils: 21.06.2020), https://www.radio912.de/artikel/wie-gut-funktionierthomeschooling-in-zeiten-von-corona-611596.html (Stand: 30.06.2020)
6) https://www.fk12.tu-dortmund.de/cms/psych/de/Medienpool_Psychologie/downloads/Pressemitteilung_erste_Ergebnisse.pdf
7) https://www.tu-dortmund.de/universitaet/aktuelles/detail/qualitaet-von-homeschooling-ist-oft-gluecksache-3219/
8) Siehe z.B. Bohl, T. Budde, J. & Rieger-Ladich, M. (Hrsg.). (2017). Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht. Grundlagentheoretische Beiträge, empirische Befunde und didaktische Reflexionen (Schulpädagogik, Bd. 4755). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.
9) Einen statistisch besser gesicherten Einblick zumindest in die Anfangsphase des digitalen Lernens erhält man beispielsweise in der Studie Studie “Lernen und Freizeit in der Corona-Krise”: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Presse/2020/PM_02_2020_JIMplus_Corona.pdf

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Raphael Bolinger

Nach einem Studium der Philosophie und Mathematik für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen, promovierte Raphael Bolinger an der TU Dortmund im Bereich Wissenschaftstheorie. Es schloss sich ein Lehramtsreferendariat an, seit dessen Beendigung er als Lehrer an einer Dortmunder Gesamtschule arbeitet. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer schreibt er Bücher im Bereich theoretische Philosophie, Logik und Mathematik. Bei uns veröffentlicht er in seiner Rolle als Wissenschaftler.

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